Fortschritt

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Für Informationen zu den einzelnen Fahrradmodellen aus dem Betriebsteil Neukirch siehe Modelle Fortschritt
Logo des Kombinat Fortschritt Landmaschinen

Kombinat Fortschritt Landmaschinen

Das Kombinat Fortschritt Landmaschinen war seit den 1960er Jahren der größte Hersteller von Landtechnik in der DDR. Ab 1978 waren in diesem Kombinat alle Herstellungsbetriebe von Landmaschinen zusammengefasst. Einzelne Betriebe des Kombinates fertigten Fahrräder und auch Fahrrad(zubehör-)teile.

Betriebe und deren Produkte

Betrieb/Betriebsteil Produkte Produktion
von ... bis ...
VEB Fortschritt Erntemaschinen Bischofswerda, Betriebsteil Neukirch,
ab 1984: VEB Fortschritt Mähdrescherwerk Bischofswerda/Singwitz, Betriebsteil Neukirch
Jugendfahrräder der Marken Mifa (ab spätestens 1974),
Fortschritt (Anfang der 1980er Jahre), Pionier (ab spätestens 1984) und Junior (ab 1984)
1974 bis 1990
Betrieb IV Bischofswerda Schutzbleche, Felgen, Lenker, Gepäckträger, Kettenschützer ab 1974/75
VEB Traktorenwerk Schönebeck/VEB Traktoren- und Dieselmotorenwerk Schönebeck, Betrieb des VEB Kombinat Fortschritt Sattelverleger 1970er/1980er Jahre
VEB Landmaschinen Freiberg, Betrieb XVIII des VEB Kombinat Fortschritt Beleuchtungskabel ab 19xx
Bremsschenkel für Felgenbremsen ab Anfang der 1980er Jahre
VEB Anlagenbau Impulsa Elsterwerda Felgenbremsen nach 1978
Siroko-Gerätewerk Neubrandenburg Fahrradschlösser spätestens ab Juni 1984 bis mind. Ende 1987

Jugendräder aus dem Kombinat Fortschritt Landmaschinen

Im Zuge der Konsumgüterproduktion übernahm das Kombinat die Produktion von Jugendrädern mit einer Laufradgröße von 24" (später auch 26"). Die 24"-Fahrräder waren bisher bei Mifa produziert worden. Die Fertigung erfolgte seit 1974 im Betriebsteil Neukirch des VEB Fortschritt Erntemaschinen Bischofswerda (ab 1984: VEB Fortschritt Mähdrescherwerk Bischofswerda/Singwitz). Bis in die erste Hälfte der 1980er Jahre hinein wurden die von Mifa bekannten Modelle nahezu unverändert weiterproduziert. Selbst das "Mifa"-Rahmendekor überdauerte in diesem Zeitraum. Spätestens ab 1983 erfolgte jedoch eine Überarbeitung der Jugendfahrräder, die nun offenbar kurzzeitig unter der Marke "Fortschritt", ab ca. 1984 dann mit der Bezeichnung "Pionier" angeboten wurden. Der gleiche Betrieb stellte seit 1984 auch Jugendfahrräder mit einer Laufradgröße von 26" her (Marke "Junior"). Für den Export in die BRD wurden Ende der 1980er Jahre auch Fahrräder mit der Markenbezeichnung "Twenter" produziert. Nach 1990 erfolgte die Umwandlung zur "Sachsen Zweirad GmbH".

Fahrradstudie für den VEB Kombinat Fortschritt

In der Zeitschrift form+zweck, Ausgabe 3/1984 wurde ein Fahrrad vorgestellt, "das der VEB Kombinat Fortschritt, Landmaschinen, im Rahmen seiner Konsumgüterproduktion in Auftrag gab. [...]". Der Entwurf stammt von Ines Bruhn, die dieses Fahrrad 1983 als Diplomarbeit an der Kunsthochschule Berlin entwickelte. Es ist anzunehmen, dass der Auftraggeber der VEB Fortschritt Erntemaschinen Bischofswerda, Betriebsteil Neukirch war, der auch Jugendfahrräder baute. Zu einer Produktion dieses Fahrrad-Baukastensystems kam es nicht.

Ines Bruhn schrieb in der form+zweck zu ihrem Entwurf: "[...] Natürlich ist das Fahrrad längst erfunden, was aber nicht heißt, daß es kein Gegenstand der Gestaltung mehr sein kann. Erstens sind seine Nutzungsmöglichkeiten noch nicht ausgeschöpft, zweitens haben sich die Produktionsbedingungen geändert und drittens weisen medizinische Erkenntnisse auf bestimmte Vor- und Nachteile hin, auf die durch eine entsprechende Gestaltung Einfluß genommen werden kann. Bei der Gestaltung des vorgestellten Fahrrades wurden folgende Kriterien für wichtig gehalten:
- Betonung des Sicherheitsfaktors im Straßenverkehr (Spurbreite),
- einfacher und bequemer Gebrauch,
- angemessener Kraftaufwand, Nutzung durch möglichst viele Altersgruppen (alte Leute! Personen mit leichten körperlichen Behinderungen),
- Transportmöglichkeit für Kinder und für Lasten,
- keine Orientierung an Parametern des Leistungssports (Geschwindigkeit, Rekordstrecken...),
- Möglichkeit der individuellen Veränderungen durch den Nutzer,
- Einsatz hauptsächlich im Nahbereich.
Das Fahrrad kann als bequemes Spazierrad genutzt werden, kann durch einfachste Montage von Zusatzelementen umgebaut werden zum praktischen Lastenfahrrad, mit dem Kinder kutschiert und Einkäufe transportiert werden können, das aber auch geeignet ist, Werkzeuge und Pakete aufzunehmen, was eine Benutzung durch Reparaturhandwerker, Schornsteinfeger, Postboten etc. anregen soll.
Folgende Aspekte tragen dazu bei, seinen Charakter als Straßenverkehrsmittel zu betonen:
- eine gwisse Auffälligkeit, besonders infolge der Spurweite des Dreirades,
- Robustheit der Konstruktion,
- Erhöhung des Fahrkomforts durch Hinterradfederung,
- neue Sattelform und neue Anordnung der Bremshebel.
Das Fahrrad kann je nach der gewünschten Nutzung mit drei unterschiedlichen Vorderradkomplexen ausgerüstet werden.
Sein Erscheinungsbild wird maßgeblich von der Rahmenform bestimmt, die aus zwei um eine Achse drehbaren Winkeln besteht. die Kombination der einfachen geometrischen Formen Kreis und Gerade bestimmen das ästhetische Gestaltprinzip. Der Drehpunkt des geteilten Rahmens wird besonders hervorgehoben. Hier sind auch die für die Lösung wichtigen neuen technischen Details integriert: Die Hinterradfederung wird über eine Torsionsfeder gewährleistet, die um die Drehachse angeordnet ist und deren Verspannung den unterschiedlichen Belastungsfällen entsprechend verstellt werden kann.
Der Drehpunkt ist die Koppelstelle für beide Rahmenteile. Diese werden mittels einfacher Handgriffe ineinandergehakt und gesichert. Damit ergibt sich die Möglichkeit, das Fahrrad in drei Teile zu zerlegen:
- Vorderradkomplex mit Lenkung,
- Hauptrahmenteil mit Sattel,
- Hinterradkomplex mit Federelement und Antrieb.
Das ist besonders für die Transportierbarkeit des Rades im Pkw von Bedetung.
Mit der Verwendung von Blechprägeteilen für die Rahmenkonstruktion wird den technologischen Möglichkeiten des Herstellers nachgekommen. Zugleich werden damit für ein Fahrrad neue Gestaltungsmerkmale bewirkt, die sich als firmentypisch einprägen und durchsetzen und demzufolge zur ästhetischen Eigenständigkeit des Rades beitragen sollen.
Die Ausgangsvariante bildet ein Spazierfahrrad mit zwei 24" Rädern, das mit allen üblichen Zusatzelementen komplettiert werden kann. Die zweite Variante besitz ein 20"-Vorderrad und erweiterte Transportmöglichkeiten, wobei die Behälter bzw. Körbe beliebig abgenommen oder ausgetauscht werden können.
Die Variante drei, das Dreirad für den Gütertransport im Nahbereich, hat zwei lenkbare 14"-Vorderräder. Dazwischen ist genügend Raum, um größere Behälter anzubringen, die ebenfalls beliebig austauschbar sind. Da das Rahmenprinzip für alle drei Lösungsvarianten Gültigkeit besitzt und der Vorderradkomplex durch ein einfaches Montageprinzip ausgetauscht werden kann, ist ein Angebot als Nutzerbaukasten genauso möglich wie als Herstellerbaukasten."
(Bruhn, Ines: Fahrrad, in: form+zweck, Nr. 3, 1984, Seite 31 ff.)


Links

http://de.wikipedia.org/wiki/Fortschritt_Landmaschinen
http://heimatmuseum.neukirch-lausitz.de/geschichte-sachsenzweirad.htm